| |
Pflanzen
als Geigerzähler
|
| |
| Bild der Wissenschaft vom 3.11.1998 |
Pflanzen als Geigerzähler
Schweizer und ukrainische Wissenschaftler haben mit gentechnischen
Methoden eine Pflanze kreiert, die in einer radioaktiv verseuchten
Umgebung blaue Flecken bekommt.
Barbara Hohn vom Friedrich Miescher Institut in Basel hat dazu
zusammen mit ihren Kollegen in die Pflanzen die Erbinformation
für das Enzym ß-Glucuronidase eingeschleust, das einen bestimmten
Farbstoff in blau umschlagen läßt. Sie haben das Gen zweigeteilt
und an unterschiedlichen Stellen in die Pflanzenchromosomen eingegliedert.
Das Gen wird von der Pflanze wieder zusammengefügt, wenn sie ihre
Chromosomen reparieren muß. Da Radioaktivität Erbmoleküle schädigt,
muß die Pflanze in einer verstrahlten Umgebung die Chromosomen
häufiger ausbessern. Je größer also die Strahlung, um so mehr
ß-Glucuronidase synthetisiert die Pflanze und um so zahlreicher
bilden sich blaue Flecken. Die Wissenschaftler haben die Pflanze
bereits im Labor und auf offenen Feldern in der Nähe von Tschernobyl
getestet. In einer Umgebung mit natürlicher Radioaktivität hat
etwa jede zweite Pflanze einen blauen Fleck; bei erhöhter Strahlung
zeugen durchschnittlich fünf Flecken pro Pflanze von forcierten
Reparatur-Arbeiten an den Erbmolekülen. Merkwürdigerweise nimmt
die Anzahl der Flecken bei sehr starker Strahlung wieder ab. Dies
führen die Wissenschaftler auf vermehrte Schäden am ß-Glucuronidase-Gen
selbst oder am Reparaturmechanismus der Pflanzen zurück. Die Forscher
haben ihre Entwicklung in der November-Ausgabe des Fachblattes
"Nature Biotechnology" vorgestellt.
Obwohl die Methode noch verbessert werden muß, sind die Pflanzen
vor allem für erste Studien in verseuchten Gebieten nützlich,
urteilt Yury Dubrova, Genetiker an der englischen Universität
Leicester. "Das wesentliche dieser Technik ist, daß sie einfach
ist. Man braucht nicht viel, um die Ergebnisse zu analysieren."
Vielleicht ist die Methode sogar sensibler als ein standardisierter
Bakterien-Test, mit dem derzeit mutagene Chemikalien aufgespürt
werden.
[Quelle: Andreas Wawrzinek, InScight] |

|